Abschied und Neubeginn
Gedanken zum Wandel in Nordafrika und dem nahen Osten
Es wäre blind, anmaßend und gestrig zu glauben, dass man weiterhin die Welt in Nord und Süd teilen kann. Wenn sich nun in Nordafrika und dem nahen Osten die Menschen von der Unterdrückung durch autokratische Machthaber befreien und dort neue Strukturen entstehen müssen, für die es keine gewachsene Basis gibt, dann benötigen die Menschen dieser Länder unsere Hilfe.
Wir werden Flüchtlinge aufnehmen müssen, denn wir können es uns wirtschaftlich leisten. Unser Wohlstand und unsere Verantwortung gebieten es uns, zu teilen, was wir haben, statt eine Mauer um Europa zu ziehen, in der Hoffnung, dass uns die Flüchtlinge erspart bleiben.
Wir werden aus Überzeugung helfen müssen, demokratische Systeme zu etablieren, die diese Bezeichnung verdienen, denn wir wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig sie für ein freies Leben sind.
Wir werden uns eingestehen müssen, dass wir unseren Wohlstand nicht völlig eigenständig geschaffen haben und ihn daher auch nicht mit allen Mitteln verteidigen können. Wir bedienen uns der Rohstoffe und der Arbeitskräfte vieler Länder und müssen daher nun helfen, wo es den Menschen dieser Länder nutzt. Wir können nicht länger nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten investieren, sondern müssen teilen, was wir haben.
Wir werden uns von dem Gedanken verabschieden müssen, dass wir aus diesen Ländern lediglich billig Öl und Datteln bekommen und dass man dort preiswert Urlaub machen kann. Statt dessen werden wir den Menschen dieser Länder auf Augenhöhe begegnen müssen, um ihnen zu helfen, gesunde Wirtschaftssysteme zu errichten, die sie ernähren.
Wir werden uns von der Vorstellung verabschieden müssen, dass "die da" für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, denn Politik und Wirtschaft unserer europäischen Länder haben jahrzehntelang davon profitiert, dass besagte Machthaber uns durch Unterdrückung des eigenen Volkes preiswert mit Energie und Rohstoffen beliefert und uns im Gegenzug Kriegsgerät abgekauft haben. Wir werden nun den Preis für diese unlauteren Praktiken zahlen müssen, indem wir wirklich helfen, was auch bedeuten wird, dass wir über unsere Grenzen gehen und Geld geben, das wir anderweitig verplant hatten.
Wir werden umdenken müssen. Jetzt! Eine Welt, die wir in "die" und "wir" unterteilen können, gibt es nicht. Es ist unser aller Welt.
[Hier ist eigentlich alles gesagt, dennoch:]
Gut, wir können auch weitermachen wie bisher. Dann haben wir gute Aussichten auf ein instabiles Weltgefüge, das in absehbarer Zeit von Terror, Gewalt und Krieg um Ressourcen erschüttert wird. Denn die Menschen, die nun gegen ihre Unterdrücker vorgegangen sind, werden sich nicht damit zufrieden geben, dass sie nun zwar irgendwie freier aber immer noch erbärmlich arm sind, gemessen an den Nachbarn im Norden. Sie werden ihren Teil vom Kuchen, den die Welt zu bieten hat, einfordern. Und wenn wir nicht bereit sind, ehrlich zu teilen, dann wird die Ohnmacht zu dem führen, das schon immer Ausdruck der Verzweiflung war: Terror. Und dann wäre die Einsicht, dass dieser Terror eine Folge unseres eigenen Handelns ist, zu spät und sehr schmerzhaft.
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- 25. February 2011 - 23:47
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